Künstler
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Michael H Dietrich
Mitglied seit 2006
So lange ich denken kann wurde die Malerei für mausetot erklärt. Das ist heute nicht anders. Wer es wagte - wie ich...
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Eigene Website: rongorongo-script.de

Biografie

1940*:Selbstauskunft als Vita


„Du bist ja auch erblich vorbelastet“ – so, oder so ähnlich lautet die Feststellung, bei der ich sofort einen dicken Hals bekomme und lauthals lospoltere. Das habe ich zu oft gehört, wenn ich ein neues Bild vorstelle. Damit sollte meine eigene Leistung relativiert oder gemindert werden. Die Logik dahinter meint, dass die Tatsache als Sohn eines Malers geboren worden zu sein, die halbe Miete bei der Malerei ausmacht. Das ist Unfug, unwahr und unausrottbar. Dennoch kann ich ein Körnchen Wahrheit nicht verleugnen. Mein Vater war nicht nur Maler, er war auch Restaurator. Diesen Beruf kann man nur dann ausüben, wenn man umfassende Kenntnisse hat über die Maltechnik, die Malschulen, die handwerkliche und künstlerische Auffassung der „alten Meister“, wie man es allgemein ausdrückt. Das ist keine besondere Leistung, das kann und konnte man lernen.
Dennoch sind eigene Erfahrung, eigene Experimente, eigene Geheimnisse der Maltechnik das eigentliche Kapital eines Restaurators. Mein Vater war diesbezüglich ein anerkannter Meister. Ein ganzes Jahr lang erklärte er mir lediglich die Kunst der Grundierung einer Leinwand. Ich mußte ungezählte Malgründe ansetzen und sie mit einigen Pinselstrichen ausprobieren. Die Mischungsverhältnisse der Zutaten war ab dann unser gemeinsames Geheimnis. Über Farben referierte mein Vater sein ganzes Leben. Wäre er nicht gestorben, würde er mir noch heute erklären, wie man Farben herstellt und was die Todsünden dabei sind. Unter dem Überbegriff „Maltechnik“ (selbstverständlich Ölmalerei und die anderen Ausdrucksformen wie Tempera, Aquarell etc.) war mein Vater ein absoluter Profi. Wenn es dazu noch eine Steigerung gab, so war das zweifelsfrei der Umgang mit Schlagmetallen, worunter der Laie Blattgold und Blattsilber versteht. Diesbezüglich erhielt er Anfragen von Malern und Restauratoren aus ganz Europa.
Im Fernsehen gibt es gelegentlich eine Sendung unter dem Titel: Der letzte seines Standes“. Schade, dass der Maler B. Th. Dietrich-Dirschau, mein Vater, schon tot war, als diese Sendung konzipiert wurde.
Ungefähr 12 Jahre „learning bei doing“ prägen einen jungen Maler für sein ganzes Leben. Malgrund, Farben und Schlagmetalle kann ich nur so verarbeiten, wie ich es unter dem Siegel der Verschwiegenheit als Ateliergeheimnis vermittelt bekam. Ich will so und nicht anders malen. Was Menschen das Bild nennen, ist doch nur die letzte Malschicht – nicht mehr und nicht weniger. Das wirkliche Bild liegt darunter.

Sowohl die handwerkliche Kunst der Malerei als auch die Grundlagen der Gestaltung, wie z.B. den Goldenen Schnitt, Perspektive, Farblehre und das ganze Gedöns der Holländer und Italiener, der Franzosen und all der anderen Heroen der Malerei hatte ich hinlänglich gelernt und auch begriffen. Wie man als Maler seinen Lebensunterhalt verdient, hatte ich nicht gelernt, weil ich diesbezüglich auch keine Fragen hatte.

Das erste Drittel meines Lebens, das 1940 begann, spielte in der Hansestadt Lübeck. Das zweite Drittel sollte sich in Frankfurt/Main abspielen. In der Szene der Künstler, Zuhälter, der Uni-Spinner des Heilands Herbert Marcuse und seiner Genossen, Galeristen, RAF-Typen (mit Andreas Bader im Club Voltaire Schach gespielt und wurde deshalb vier Jahre vom Verfassungsschutz telefonisch überwacht) fand ich schnell Aufnahme als der „von da oben“, womit Lübeck gemeint war. Ich malte und zeichnete, stellte mehr aus, als ich produzierte(!) und verkaufte gegen Erstattung der Kosten für Farben, Leinwand, Schlagmetalle etc. Gegen diese Mafia der Kunstkäufer konnte ich mich nicht behaupten. Sie machten mir klar, dass Leistung nicht zählt, sondern nur der Name – und einen solchen hatte ich schließlich nicht. „Und überhaupt ist es doch unverschämt, wenn ein so junger Bengel wie du Geld verlangt für seine Bilder.“ Dann tönte das neue Credo der Kunst von dem Mann mit Hut aus Düsseldorf: Die Zeit der Malerei ist für immer beendet! Hab’ ich ja schon immer gewußt – tönten die Galeristen und vor allem jene, die sich dafür hielten. Dass bedeutete: Alles das, was ich konnte, war nicht mehr gefragt. Ich war ein „Auslaufmodell“ ohne Perspektive. Was sich als das Neue vorstellte, womit man künftig Geld verdiente, war etwas, was ich nicht konnte. Der Tropfen, der das Fass . . . , den gab es auch. Auch die Frankfurter Stadtväter und –frauen machten sich Sorgen über die vielen Grünflächen rund um die Stadt. So ließen sie ein Einkaufszentrum nach dem anderen auf der grünen Wiese erstellen, wo sich gefälligst auch eine Galerie anzusiedeln hatte. So gab man sich den schönen Künsten gegenüber wohlwollend. Viele Drucke und viele Bilder gab ich dem neuen jungen Galeristen für das neue hochmoderne Einkaufszentrum – wie alle meine Kollegen – in Kommission zum Start als Kunsthändler. Der hatte etwas mißverstanden. Über Nacht schnitt er die Bilder aus den Keilrahmen, verpackte die gesamten Drucke und fuhr gen Süden nach Frankreich, Spanien und da verlor sich seine Spur. Die Sache mit der Malerei hatte mir kein Glück gebracht. Meinen Lebensunterhalt mußte ich verdienen und machte deshalb das, was andere längst vor mir erfolgreich machten. So ging auch ich in die Werbung. Ich verdiente Geld und konnte meiner großen Leidenschaft des Studiums der Kulturen rund um das Mittelmeer frönen. Gezeichnet und gemalt habe ich auch noch – wenn auch nur noch für mich. Rapanui, das ist die Osterinsel, entdeckte ich für mich und habe Jahre später das Erlebte in Bilder und Objekte umgesetzt. Gänzlich hatte ich mich aus dem Kunstbetrieb nicht verabschiedet. Hin und wieder gab es Einzelausstellungen oder Beteiligungen. Den Verkauf meiner Bilder hatte ich aber total ausgesetzt – auch dann, wenn jemand meine Preisvorstellung akzeptierte.

Auf irgendeinem Flug erzählte mir ein Texaner die Philosophie seiner Landsleute: You can take a girl out of Texas – but never Texas out of a girl. So verhält es sich auch mit der Kunst. Man kann die Kunst über viele Jahre hinweg verdrängen, unterdrücken, bösartig verleugnen und wie Judas verraten. Verlierer wird immer sein, der das tut. Mein Vater hatte auf seine Staffelei geschrieben: vita brevis – ars longa. Übersetzt: Kurz währt das Leben – die Kunst (währt) lang. Ich habe diesen Verrat bis zum Jahr 1998 irgendwie durchgehalten – dann war die Kunst in mir eben doch stärker. Aber heute lebe ich mit meiner Frau, die an der Akademie in Wien Kunst und Design studiert hat, in Stuttgart und nicht mehr in Frankfurt. Die unmenschlichen Verhältnisse meiner Zeit in Frankfurt sind Vergangenheit. Meine persönliche Situation ist eine vollkommen andere geworden und in erster Linie gibt es heute Möglichkeiten für Künstler, die ungeahnte Perspektiven eröffnen.
Es hat sehr lange gedauert, um das Maß an Freiheit in mir zu fühlen, das mich unabhängig macht von dem, was Trend oder Mode ist, was in New York oder anderswo angesagt ist, was sich heute „gut verkauft“ oder was immer die kurzfristigen Vorgaben sind, nach denen sich zu richten hat, wer Erfolg will – um jeden Preis.
Ich habe die Kunst in mir wieder zugelassen - ohne Einschränkungen.